Rochus Lussi
*1965, Stans, lebt und arbeitet seit 1992 als freischaffender Bildhauer in der Zentralschweiz.
Ausstellung bei da Mihi
2025 – Rochus Lussi – im Unterholz
15. August bis 27. September 2025
2024 – Art Salon Zürich (23. - 27. Oktober)
SIKART Lexikon zur Kunst in der Schweiz
Bild: Rochus Lussi, «undercover», 2025,
Holz in Farbe gefasst, 130 x 40 x 30 cm
Rochus Lussi – im Unterholz
15. August bis 27. September 2025
Die Galerie da Mihi lädt Sie herzlich zur ersten Einzelausstellung von Rochus Lussi ein – Bildhauer, Maler, Zeichner, Holzdrucker und Performance-Künstler. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen Handpuppen, inspiriert vom traditionellen Kasperletheater – doch bei Lussi verwandeln sie sich in vielschichtige Sinnbilder der Gegenwart: mal zart, vergoldet und von poetischer Anmut, mal in lebensgrosser Gestalt, roh geschnitten, farbgewaltig und von unheimlicher Präsenz. Sie inszenieren ein Welttheater, das je nach Perspektive und innerer Haltung auf immer neue Weise zu lesen ist.
Vernissage
Freitag, 15. August, 18.00 - 20.00 Uhr
Kurzeinführung um 18.30 Uhr
Performance «Mutter»
Freitag, 22. August, 20.00 Uhr (Dauer ca. 15 Min.)
Der Künstler ist anwesend
Samstag, 13. September, 11.00 - 16.00 Uhr
Finissage
Samstag, 27. September, 14.00 - 17.00 Uhr
Rochus Lussi arbeitet als Bildhauer mehrheitlich mit dem Werkstoff Holz. Dabei ist die Kettensäge ein wichtiges Werkzeug, mit ihr treibt und schält er aus einem Holzstamm in virtuoser Manier filigranste Figuren heraus. Daneben finden auch die Trennscheibe, der Klöppel und das Schnitzmesser Verwendung. Mit der gekonnten Anwendung der ganzen Palette an bildhauerischen Techniken schafft Lussi Oberflächen von unterschiedlichster Textur: von feingeschliffen und detailreich bis hin zu flüchtig berührt und formreduziert.
Bei den gezielt bearbeiteten Oberflächen findet sich das zentrale Motiv in Rochus Lussis Werk, die «Haut» – als physische, symbolische und emotionale Grenzfläche. Sie wird zur Projektionsfläche von Verletzbarkeit, Berührung und Identität. Ob Elefantenhaut, Lammfigur oder Zungenobjekt stets bleibt die Oberfläche der Fokus für die bildhauerische Arbeit. Sie schützt und entblösst und ist Membran zwischen Innen und Aussen. In seiner Performance «Mutter» wird dieses Thema auf besonders eindrückliche Weise körperlich erfahrbar: Haut wird zur Trägerin von Nähe, Geburt und Verletzlichkeit. Lussis Werke legen die Haut nicht nur im materiellen Sinne frei, sie erzählen von der dünnen Linie zwischen Schutz und Preisgabe, zwischen Schönheit und Schmerz.
Rochus Lussi arbeitet meist in Werkgruppen, er gestaltet nicht ein Lamm auf Rädern, sondern eine ganze Herde, nicht einen Wolf, sondern ein ganzes Rudel. In der Ausstellung bei da Mihi sind es Handpuppen der Serie «drunter und drüber», die klein und vergoldet sowie «undercover» (siehe Abbildung) gross und farbig ausgestellt werden. Auch hier ist ein umfangreiches Ensemble versammelt mit Prinzessin, Krokodil, Rabe, Bauer, Tod und viele mehr. Kasperle-Figuren besitzen eine wunderbare Magie. Sie können kleine und grosse Kinder verzaubern mit ihren alltäglichen Geschichten, in denen Komplexes einfach wird und Verborgenes plötzlich sichtbar ist. Das Miteinander von Tiefenwirkung und Oberfläche ist im wahrsten Sinne des Wortes vielschichtig und Rochus Lussi führt uns mit seiner Kunst ins Unterholz und hält so manches überraschende Werk für die Betrachtenden bereit.
Seine aus Holz gearbeiteten Elefantenhäute, entfalten als Wandobjekte eine eindrückliche Präsenz. Was auf den ersten Blick grob und schwer erscheint, verweist bei näherer Betrachtung auf das inhaltlich so Erstaunliche: Die dicke Haut des Elefanten ist keineswegs nur Schutzpanzer, sondern ein hochsensibles Organ, fähig, sanfteste Vibrationen und Berührungen wahrzunehmen. Lussi überträgt diese Ambivalenz auf das Material Holz – hart im Kern, doch offen für poetische Aufladungen. Es geht auch spielerisch her in der Ausstellung – dazu passt ein gut gefüllter Korb mit tropischen Früchten. Verführerisch (nicht nur für Elefanten), zum Anbeissen schön, aber auch sie sind aus Holz.
In einer Ecke des Ausstellungsraums hängt ein Mantel, der gehört wohl dem Schäfer, liegt doch darunter eine kleine Schafherde mit Rädchen unter den Sohlen. Sie gehören zur Serie «roll on» von 2023. Die witzige Arbeit stellt aber bald einmal ernste Fragen, welche Rolle hat das Lamm in dieser Konstellation. Ist es angelehnt an die christliche Ikonografie oder ist es das harmlose und manchmal dümmliche Herdentier, das dem Leittier folgt, wohin auch immer. Oder geht es hier schlicht um den Überlebenskampf zwischen Lamm und Wolf? Nach eigenen Angaben des Künstlers spielen die Lämmer in «roll on» auf die momentane politische und gesellschaftliche Situation an. Es ist eine künstlerische Umsetzung jenes Balance Akts, der uns heute abverlangt wird, ein Leben zwischen Naivität, Glück und ständiger Gefährdung.
Die Arbeiten von Rochus Lussi sind stets ästhetisch, häufig in einer realistischen Umsetzung und manchmal abstrahiert. Es ist leicht, sich auf die Objekte einzulassen, die Schönheit von Oberfläche und Form zu erkunden, bis zu jenem Kippmoment, der uns mit unüberwindbaren Gegensätzen konfrontiert und uns schaudern lässt. So schlägt Sinnlichkeit in Perversion um oder Schönheit ins Furchterregende. Sinnbildlich dafür ist die, sich wie ein roter Faden durch das ganze Werk ziehende rote Farbe, aufgetragen etwa auf eine der vielen Zungen an der Wand. Rot steht für das pralle Leben mit all seinen positiven und negativen Schattierungen.
In diesem Sinn schafft Rochus Lussi ein einzigartiges Werk, in dem die Suche nach dem eigenen Ich in der künstlerischen Interpretation Ausdruck findet, das die substanziellen Fragen des Daseins aufgreift und uns betört und gleichsam verstört und dabei mitten ins Herz trifft.
Text: Hans Ryser und Barbara Marbot
Einblick in die Ausstellung 2025
«Rochus Lussi – im Unterholz»
1
Rochus Lussi,
«Wolf», 2022,
Pappelholz in Farbe gefasst,
100 x 100 cm,
Höhe 110 cm
4
Rochus Lussi
«Elefantenhaut»
2024
Lindenholz in Farbe gefasst
47 x 52 x 6 cm
2
Rochus Lussi
«Elefantenhaut»
2022
70 x 100 x 6 cm
Holz in Farbe gefasst
Rochus Lussi
Bildhauer
Seit 2002 als Kurator für Ausstellungen und Performance-Projekten tätig.
2007 Publikation «multiple Ichs»
2023 Werkübersicht Rochus Lussi «dünne Haut thin skin»
Arbeiten 1992–2022, erschienen bei Scheidegger & Spiess
Ausbildung
1988–1995 Ausbildung zum Bildhauer in Brienz
Ab 1995 Kurse an der Kunstgewerbeschule Luzern und Studienjahr an der
Kunstakademie Prag bei Jan Hendrych
Auszeichnungen / Förderbeiträge / Stipendien (Auswahl)
2023 Atelierstipendium Berlin, Zentralschweiz Kantone, Kulturförderung NW
2019 Innerschweiz Kulturpreis
2016 Atelierstipendium New York, Zentralschweiz Kantone, Kulturförderung NW
Einzelausstellungen
2025 Galerie da Mihi
2025 Galerie Carla Renggli, Zug
2024 Galerie Vitrine, Luzern, «drunter und drüber»
2022 Kunstraum Atelier OHHO, Biel
2020 Galerie Martin Jedlitschka, Zürich
2016 SOLIVAGANT* Contemporary Art Project Space, New York
Gruppenausstellungen (Auswahl)
2024 Entlebucherhaus, Schümpfheim, mit Katrin Rölli
2023 Kunstplattform AKKU, Emmenbrücke, «Haut»
2021 Casa D’Angel, Lumbrein, «Der Wolf im Visier der Kunst»
Visarte Zentralschweiz, Utopie 3 «be loved»
2020 Ville des Arts, Biennale 2020, Waldenburg
2010 Kunsthalle Luzern, «inside out»
Performance (Auswahl)
2022 «Belle lle» happen 6, Nidwaldner Museum Stans
2021 «Emotion» Internationale Performance-Tage, Turbine Giswil
2019 «Dünne Haut», Peterskapelle, Luzern
Arbeiten im öffentlichen Raum (Auswahl)
2023 Hirslanden Klinik, St. Anna, Luzern, Kunst- und Bauarbeit «Kosmos»
2022 Neubau Kantonsspital Uri, Altdorf, Kunst und Bauarbeit
2019 Xund, Bildungszentrum Gesundheit, Zentralschweiz, Luzern, Kunst und Bauarbeit