Peter Aerschmann
Video- und Computerkunst. Performance und Installation.
*1969 in Fribourg, lebt und arbeitet in Bern CH.
Ausstellungen bei da Mihi
2025 – «Marionetten» siehe unten
2023 – Art Salon Zürich, 28. September - 1. Oktober, 2023
2023 – «Post Canvas»
2022 – 11 Jahre Galerie da Mihi – Werkschau zum Jubiläum
2022 – «verschwinden»
SIKART Lexikon zur Kunst in der Schweiz
Bild:
Peter Aerschmann, «Marionetten 2», 2025
Weitere Werke in der Online-Galerie
Peter Aerschmann – Marionetten
10. Oktober bis 15. November 2025
Spiel mit Fäden, Bildern und Macht
Wir laden Sie herzlich zur Einzelausstellung von Peter Aerschmann ein. Im Zentrum stehen neue Werke im Spannungsfeld von Videokunst und Fotografie. Seine Arbeiten entstehen aus präzise arrangierten Beobachtungen des Alltags, die er mit digitalen Mitteln dekonstruiert, transformiert und in neue visuelle Ordnungen überführt. Mit der Ausstellung «Marionetten» in der Galerie da Mihi setzt Aerschmann seinen künstlerischen Weg fort – und verhandelt zugleich fundamentale Fragen nach Autonomie, Kontrolle und Inszenierung im digitalen Zeitalter.
Vernissage
Freitag, 10. Oktober, 18.00 - 20.00 Uhr
Kurzeinführung um 18.30 Uhr
Künstlergespräch
Miriam Edmunds, Kuratorin, im Gespräch mit dem Künstler Peter Aerschmann
Donnerstag, 23. Oktober, 18.00 - 19.00 Uhr
Der Künstler ist anwesend
Donnerstag, 30. Oktober, 16.00 - 19.00 Uhr
Samstag, 8. November, 14.00 - 17.00 Uhr
Finissage
Samstag, 15. November, 14.00 - 17.00 Uhr
Bereits 2022 präsentierte die Galerie da Mihi unter dem Titel «verschwinden» eine Auswahl neuer und retrospektiver Werke von Peter Aerschmann. Im Zentrum stand damals die Frage nach dem Verhältnis von physischer Welt und digitaler Realität – und das schrittweise Unsichtbarwerden des Analogen. Mit poetischer Präzision inszenierte Aerschmann das Verschwinden von Objekten, Bildern und Bedeutungen als stille Choreografie inmitten des urbanen Raums. Seine «digitalen Tableaux vivants» machten erfahrbar, wie tiefgreifend die digitale Transformation in unser Wahrnehmungssystem eingreift. Die Ausstellung stellte nicht nur Fragen nach Überwachung, öffentlichem Raum und technischer Reproduzierbarkeit, sondern auch nach der philosophischen Dimension einer Welt, in der die Dinge doppelt existieren – real und virtuell.
Die aktuellen Arbeiten in «Marionetten» knüpfen hier thematisch an, verlagern jedoch den Fokus von der materiellen Auflösung hin zur Frage nach Steuerung, Handlungsspielraum und dem Menschen als Figur in einem zunehmend automatisierten Setting.
Die Marionette, die nur durch äussere Einflüsse zum Leben erwacht – ist ein vielschichtiges Symbol: Sie steht für Fremdbestimmung, für subtile Regie, für Kontrolle wie für Kontrollverlust. In der Kunstgeschichte taucht sie immer wieder als Projektionsfläche auf – in Heinrich von Kleists berühmtem Essay «Über das Marionettentheater» (1810), in dem die Puppe dem menschlichen Tänzer an Anmut überlegen erscheint, bis hin zu modernen Reflexionen über das Subjekt in der Postmoderne. Sophie Taeuber-Arp kreierte 1918 ein vollständiges Set von Dada Marionetten für das Theaterstück «König Hirsch». Aerschmann greift diese Tradition auf und aktualisiert sie unter den Bedingungen der algorithmischen Gegenwart.
In seinen neuesten «bewegten Fotografien» erscheinen Figuren, die sich in Endlosschleifen bewegen – zu sehen sind Menschen in urbanen Settings, die gehen, stehen, warten, auf Bildschirme starren oder in ein scheinbar sinnfreies Tun vertieft sind. Ihre Bewegungen wirken mechanisch, entpersonalisiert, fast wie automatisiert. Sie erinnern an Marionetten, die an unsichtbaren Fäden hängen – oder an Avatare in einem Spiel, dessen Regeln sie nicht selbst bestimmen.
Die Arbeit mit dem Titel «BOAT» beschäftigt sich mit der Instabilität von Marionetten: Im grenzenlosen Raum treibt ein Boot – richtungslos, ohne Motor, ohne Ruder. Es wirkt wie eine Bühne für die menschliche Orientierungslosigkeit. Die vier Figuren an Bord bewegen sich ungelenk wie Marionetten, gehalten an unsichtbaren Fäden, gefangen in einer Realität, die sie nicht selbst bestimmen. Eine Person steht versunken da, als hielte sie ein Smartphone. Eine andere scheint ganz mit sich selbst beschäftigt, die dritte ist völlig verängstigt. Nur eine sucht den Blick nach aussen, tastet nach Verbindung zur Welt jenseits des Bootes.
Es ist eine Reise ins Ungewisse, eine Drift ohne Steuerung, und das Boot wird zur Metapher für die Verlorenheit des modernen Menschen in einem System, in dem wir fremdgesteuert sind. In der Choreografie des Alltags springen wir an, sobald jemand «ein Knöpfli drückt» – ein pointierter Hinweis auf die Konditionierung durch äussere Impulse in einer durchdigitalisierten Gesellschaft. Trotz seiner kritischen Tiefe bleibt das Werk offen: Es fordert zur Deutung heraus, erlaubt individuelle Lesarten. Und beim Betrachten erleben wir – fast körperlich – wie es ist, selbst auf diesem Boot zu stehen, nicht als Steuermann, sondern als Marionette im Strudel einer Fahrt ins Ungewisse.
In einer weiteren neuen Videoarbeit kniet eine einzelne Figur inmitten von Bergen aus standardisierten Versand-Kartonschachteln – Monument und Bedrohung zugleich. Eine der Schachteln hängt unheilverheissend über ihrem Kopf. In Peter Aerschmanns Arbeit ist der Mensch den Verheissungen des Onlinehandels ausgeliefert, aus Begehren wird Last, das fragile Gleichgewicht von Leere und Überfülle ist gestört. Das Ende bleibt offen – wie so oft in seinen Arbeiten.
Foto oder Video – das hängt heute bloss noch von der Dauer des Fingerdrucks auf den Auslöser des Handys ab. Im Zeitalter von Instagram, TikTok und Co. hat die Videosequenz das fotografische Standbild abgelöst. Auch Künstlerinnen und Künstler verwenden solche Kameras für Fotografie und Video. Die Unterscheidung liegt dabei in der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem gewählten Medium. Peter Aerschmann bewegt sich als Künstler mit sicherem Gespür durch die allgegenwärtige Bilderflut und destilliert jene Momente, in denen ein Bild die gewünschte Aussagekraft erreicht. Indem er das Ephemere vom Wesentlichen trennt bzw. das Wesentliche im Ephemeren sichtbar werden lässt, entfesselt sich der künstlerische Gehalt im Moment der Wahrnehmung. Seine Werke, ob fotografischer Natur oder in bewegten Bildern realisiert, fügen sich auf überzeugende Weise in den fotografischen Diskurs ein und erweitern ihn zugleich.
Die Werke von Peter Aerschmann bewegen sich im Grenzbereich von Videokunst und Fotografie, genauer gesagt, zwischen dem klassischen Bewegtbild und dem, was man als «bewegte Fotografie» bezeichnen könnte. Seine Szenen basieren auf realen Aufnahmen, die digital bearbeitet, reduziert und in Endlosschleifen animiert werden. Die Zeit steht nicht still, aber sie scheint in der Endlosigkeit gefangen. Statt filmischer Dramaturgie entsteht stille Beobachtung: Menschen im urbanen Raum, eingefroren in routinierte Bewegungen – fast Marionetten. Die Kunstkritikerin Alice Henkes hat bei seiner Ausstellung im Kunsthaus Zofingen Beobachtungen in diese Richtung festgehalten: «In Peter Aerschmanns Videos haben die Figuren nur einen winzigen Aktionsradius. Sie vollführen immer und immer wieder die gleichen Bewegungen. Als ob ein Film beginnen würde – aber es geht nicht so richtig weiter. Auch räumlich bleibt die Szene begrenzt – das gilt auch für die meisten anderen Arbeiten von Peter Aerschmann. Man sieht stets nur einen kleinen Ausschnitt. Das entspricht durchaus der Realität: Auch wenn wir durch Medien, soziale Netzwerke, Push-News oft den Eindruck haben, wir wüssten, was in der Welt passiert, sehen wir doch nur einen sehr kleinen Bereich – sowohl im räumlichen wie auch im zeitlichen Sinn. Was darüber hinausgeht, ist weit entfernt.»
Im Unterschied zur narrativen Videokunst will Aerschmann keine Geschichten erzählen. Er analysiert gesellschaftliche Muster – Bewegungen, Automatismen, soziale Choreografien. Seine digital animierten Bildräume zeigen, wie stark unser Alltag von Wiederholung, Kontrolle und medialer Struktur durchdrungen ist. Dabei wirken seine Figuren zugleich anonym und exemplarisch – Stellvertreterinnen und Stellvertreter für ein Dasein inmitten systemischer Abläufe. Mit minimalistischer Präzision gelingt es Aerschmann, das scheinbar Banale in einen Zustand kritischer Sichtbarkeit zu überführen. Seine Werke sind Loop-basierte Zeitbilder, in denen das Verhältnis von Stillstand, Bewegung und Beobachtung neu gedacht wird.
Peter Aerschmann ist kein Moralist, sondern präziser Beobachter. Seine Arbeiten wollen nicht urteilen – sie wollen zeigen. In dieser Zurückhaltung steckt eine knisternde Spannung. Die Beschränkung unseres Aktionsraumes, der Zwang zur Wiederholung und das sinnliche Erlebnis immergleicher Sequenzen führen zu der Frage, wer hier eigentlich die Fäden zieht? Ist es die Gesellschaft, die Technik oder der Künstler!
Die Ausstellung «Marionetten» ist mehr als eine visuelle Inszenierung: Sie ist ein Nachdenken über Individualität, Sichtbarkeit und Macht in einer durchdigitalisierten Welt. Sie lädt uns ein, die eigenen Bewegungen – physisch wie mental – zu hinterfragen: Wie frei sind wir in einer digitalen Welt? Oder tanzen wir längst nach einem Drehbuch, das wir selbst nicht mehr kennen?
Text: Barbara Marbot und Hans Ryser, im August 2025
Presse
Freiburger Nachrichten
25. Oktober 2025
Beitrag von Petra Salvisberg
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Werke Art Salon Zürich 2023
Peter Aerschmann
«Pendulum 1, Kartoffel» 1/5, 2023, HD video, 10 min loop, no sound, Edition: 5 + 1 AP
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«Pendulum 9, Holzuhr» 1/5, 2023, HD video, 10 min loop, no sound, Edition: 5 + 1 AP
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«Pendulum 8, Kirschenpendel» 1/5, 2023, HD video, 10 min loop, no sound, Edition: 5 + 1 AP
Peter Aerschmann
«Rose und Stein» 1/5, 2023,
HD video, 10 min loop, no sound, Edition: 5 + 1 AP