Willi Müller, Apfelbild 7, 2019, Öl auf Leinwand, Galerie da Mihi, Bern

8. Mai 2020

Und ewig lockt der nächste «Picasso»

Bereits im alten Rom wurde mit antiken Statuen aus Griechenland gehandelt. Echte und nachgemachte erzielten astronomische Preise. Das goldene Zeitalter der flämischen Malerei ging mit dem Platzen einer gewaltigen Kunstmarkt-Blase einher. Und der erfolgreichste Kunstfonds, den es je gab, hatte seine Blütezeit vor mehr als hundert Jahren.

Wenn wieder einmal Auktions-Rekorde purzeln, überschlagen sich manche Kommentatoren mit Lamentos über den ach so verdorbenen Kunstmarkt. Dabei mag die Klage einen Kern Wahrheit enthalten, wenn neue oder bislang nicht aufgefallene Käufer/innen auf den Markt drängen. Mal waren es die Russen, dann die Saudis, die Chinesen und neuerdings die jungen High-Tech-Unternehmer. Beim genaueren Hinschauen in die Historie des Kunstmarktes zeigt sich schnell, gewisse Kunst war schon immer hoch spekulativ.

Ein anschauliches Beispiel ist der Kunst-Investmentfonds namens «La Peau de l’Ours». Dieser wurde 1903 vom Pariser Banquier André Level gegründet. Es war der Beginn eines phänomenalen, finanziellen Erfolgs, der bis heute nachwirkt und Ahnungslose zu Investitionen in Kunst verleitet. Level hatte jedoch den richtigen Riecher und Glück. Beim Besuch des ersten Pariser Herbstsalons, stiess er auf Werke von Bonnard, Vuillard, Vallotton, Gauguin, Matisse, Marquet und Manguin, hier entdeckte er die junge französische Gegenwartskunst: «Für mich war es eine Offenbarung», schrieb er später in seinen «Erinnerungen eines Sammlers»: «Es gab da eine Kühnheit und Jugendlichkeit, die sich von der Monotonie und der Langeweile der großen jährlichen Salons abgrenzte. Ich sah dort Bilder, die mir, ohne dass ich auch nur die geringsten Zweifel hatte, die authentische Kunst unserer Epoche und der nahen Zukunft zu repräsentieren schienen. Ich glaubte daran, ich vertraute darauf.»

Mit seiner Begeisterung für das Gesehene und entflammt vom zeitgenössischen Flair, die er in den neuen Werken spürte, spornte André Level einen Kreis junger Sammler an, Jahr für Jahr Werke aktueller Kunst zu kaufen. Gemeinsam mit elf Gleichgesinnten, darunter Bankiers und Geschäftsleute, alle unter vierzig Jahre alt, gründete er noch im selben Jahr den Fonds «La Peau de l’Ours». Zehn Jahre kauften sie unter der Führung von Level Werke an. Nach zehn Jahren jedoch sollte der Gesamtbestand der Sammlung verkauft und der Erlös aufgeteilt werden. Keines der erworbenen Bilder durfte vorher veräussert werden und keines der Werke über die zehn Jahre hinaus im Besitz eines Mitglieds verbleiben.

1906 erwarben sie sechs Werke von Picasso und 1908 investierte Level ein Drittel des jährlichen Ankaufsbudgets in ein aussergewöhnliches Einzelwerk Picassos «Les Saltimbanques» von 1905: mit mehr als vier Quadratmetern nicht nur das grösste Gemälde, sondern – wie sich beim Verkauf der Sammlung erweisen sollte – die erfolgreichste Investition.

Im Jahr 1914, zehn Jahre nach Beginn des Aufbaus der Sammlung, sollte der Bär erlegt und das Fell verteilt werden: Am Montag, den 2. März, um zwei Uhr nachmittags luden die Händler Josse und Gaston in das Pariser Auktionshaus Hôtel Drouot zur Versteigerung der 145 Werke der Collection «Peau de l’Ours». Diese erste, vollständig der Moderne gewidmete Auktion zog Sammler, Händler, Künstler und Kritiker an: Sie sollte zur Nagelprobe für die neueste Kunst werden, die von den einen als Durchbruch gefeiert und von den anderen noch verspottet wurde.

Der Grossteil der Bilder erfüllte die Erwartungen. Die erste wirkliche Überraschung boten die Werke von Matisse: Vier seiner Gemälde erzielten vierstellige Ergebnisse. Sein «Stillleben mit Kompottschüssel, Äpfeln und Orangen» von 1899 übertraf mit fünftausend Francs die Preise für die Gemälde von Van Gogh und Gauguin. Die eigentliche Sensation des Nachmittags bildete indes Picassos «Les Saltimbanques» – ausgerufen bei achttausend Francs – erzielte 11’500 Francs.

Für die damaligen Zeitgenossen sowie für die Geschichte des Kunsthandels der Moderne, markierte dieser Zuschlag einen Sieg der neuen Malerei Frankreichs vor dem Ersten Weltkrieg. Während die Traditionalisten darin, einmal mehr, ein Zeichen für das nahende Ende der Kunst sahen. Die Auktion wurde eifrig in der Presse kommentiert. Der Journalist Maurice Delcourt des «Paris-Midi» witterte die drohende Überfremdung des Kunstmarkts: «Die grotesken, missgestalteten Werke einiger unerwünschter Ausländer haben nun fette Preise erzielt, und wie wir seit vierzehn Tagen aus gutem Grund immer wieder voraussagten, waren es Deutsche, die diese Preise bezahlt, beziehungsweise bis zu diesen Preisen hinaufgesteigert haben. [..] so gehen nach und nach Mass und Ordnung unserer völkischen Kunst verloren.» 

Liebe Leserin, lieber Leser, Sie sehen, die Spekulation am Kunstmarkt ist nicht neu. Die ewige Suche nach dem neuen Picasso treibt viele Glücksritter an, mit Kunst möglichst viel Geld zu verdienen.
Was uns stört, ist die mediale Aufmerksamkeit, welche diese wenigen Leute erhalten. Kunst ist im ideellen, nicht im monetären Sinn viel zu wertvoll, als dass man sie dem Markt überlassen sollte. Der Grossteil der Kunst lebt von der Liebe der Sammler/innen zur Kunst und zu den Künstler/innen.