Gildas Coudrais, Palmtree 21, 2020, Mischtechnik, Gerahmt, Galerie da Mihi, Bern

8. April 2020

Kunstmessen – wie weiter?

Bei den Kunstmessen hat das grosse «Geschiebe» begonnen. Der festgefügte Messekalender wird arg durcheinandergewirbelt. Diesen Herbst dürfte es ein Gedränge geben – weniger an den Messen selbst als im Kalender. Ob im Herbst Grossveranstaltungen mit mehreren tausend Personen überhaupt möglich sein werden, steht in den Sternen. 

Auch seitens der ausstellenden Galerien ist nebst der fehlenden Planungsunsicherheit unklar, wie sie drei oder mehr Messeteilnahmen innerhalb weniger Monate stemmen könnten. Für die Messebetreiber bedeutet dies ein Ringen um das Publikum und um die Galerien. Was bedeuten die Unsicherheiten für die zukünftige Entwicklung der Kunstmessen? Wird wieder alles sein wie vorher? In mehrfacher Hinsicht bestehen erhebliche Zweifel, ob sich die Situation wie von selbst einrenken und die grosse, internationale Messe-Party weithin gefeiert wird. 

Kunstmessen erlebten in den letzten zwanzig Jahren einen riesigen Boom. Immer mehr und immer grössere Messen entstanden rund um den Erdball. Spannenderweise in einer Zeit, in der andere Messen, z.B. im Industriebereich, in arge Nöte gerieten und verschwanden, weil sie durch digitale Innovationen an Attraktivität verloren. Im vergangenen Jahr erwischte es sogar die grösste Automesse, die IAA in Frankfurt, nicht aus wirtschaftlichen, sondern aus ökologischen Gründen: Protestaktionen von Seiten der grünen Parteien setzten der Automobillobby arg zu.

Es ist gut möglich, dass der Kunstbetrieb bezüglich Umweltschutz-Anliegen weniger exponiert ist. Trotzdem macht es ökologisch wenig Sinn, wenn eine Kunst-Elite anhaltend um die Welt jettet, um überall die gleiche Kunst von denselben grossen Galerien zu sehen. Mittlerweile spricht man von sogenannter Messekunst. Damit sind Exponate gemeint, die in der unüberschaubaren Menge von Messekojen auffallen. Grelle Farben, Glitzerzeug, schräge Formen und was der Scheusslichkeiten mehr sind. Seien wir ehrlich, ein sinnliches, komplexes und stilles Kunstwerk mag im geschützten Galerieraum stark wirken, auf der Messe geht es im Getöse unter.

Kunstmessen werden wohl nicht so schnell verschwinden, doch vielleicht wird der Kunstbetrieb wieder etwas lokaler oder glokaler – nicht unbedingt weniger extravagant, doch hoffentlich persönlicher und vielfältiger. Und für alle die aus verschiedenen Gründen nicht um die Welt jetten mögen, gibt es glücklicherweise die lokalen Galerien, weniger mit Messekunst dafür mit ausgewählter und sorgfältig kuratierter Kunst, die nicht nur Party-Leute begeistern kann.

Das Werk des Tages (oben) ist im Kontext des Palmensterbens in Los Angeles zu verstehen. Ein Palmenkäfer und eine Pilzerkrankung sind die Hauptursachen für deren Dezimierung in ganz Südkalifornien. Coudrais wählte nach einem Zufallsprinzip 100 noch unversehrte Palmen aus, die er jeweils mit einer Zeichnung würdigte. Beim Hintergrund handelt es sich um einen Druck. Jedes Unikat ist mit der Adresse und den GPS-Koordinaten der entsprechenden Palme versehen.