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6. Mai 2020

Chancen der digitalen Kunst

Dieser Tage wird häufig von digitaler Kunst, respektive virtuellen Rundgängen gesprochen. Damit ist meist das digitale Rezipieren gemeint, weil Museen und Galerien geschlossen sind. In diesem Blog möchten wir jedoch einen Blick auf Kunst werfen, die bereits vor ihrer Entstehung digital konzipiert wurde. Dieser Beitrag kann als Fortsetzung vom 26. März 2020 gelesen werden: Wo bleibt die Aura des Originals in digitalen Zeiten? 

Künstlerische Arbeiten, denen ein digitales File zu Grunde liegt, bestehen öfter als gemeinhin angenommen wird. Dazu zählen nicht nur Video-Arbeiten, sondern auch die meisten fotografischen Werke. Daneben gibt es neue Arten, auch solche die sich an klassische Genres der Malerei anlehnen. Digitale, animierte Stillleben sind eine solche noch fast unbekannte Gattung. Als Beispiel, ein wunderschöner Blumenstrauss in einer Vase, wie er seit Jahrhunderten gemalt wird. Doch bei genauer Betrachtung, bewegen sich die Blumen leicht in der Sommerbrise und ein bunter Schmetterling setzt sich auf eine Rose. Das Ganze ist diskret in einen barocken Bilderrahmen verpackt, täuschend echt, angelehnt an ein altes Meistergemälde. Für diejenigen, die es eher schlicht mögen, dient ein als Bild getarnter, hochauflösende Flachbildschirm, der zudem als TV-Gerät funktioniert. 

Digitale Kunst hat eine weitere Besonderheit, die bislang kaum untersucht wurde. Das Kunstwerk ist vom Präsentationsmedium entkoppelt. Was bedeutet das? Ein traditionelles Ölgemälde ist untrennbar mit der Leinwand verbunden. Die Leinwand ist das Gemälde, ist damit das originale Kunstwerk. Bei digitaler Kunst kann Ursprungswerk und Rezeption entkoppelt sein. Das digitale File ist irgendwo in einer «Cloud» gespeichert, von dort kann es der Kunstliebhaber herunterladen oder streamen und auf seinem Bildschirm betrachten. 

Bildende Kunst wäre somit ebenso zugänglich, wie wir es heute im Bereich der Musik kennen. Der für den Kunstgenuss limitierende Faktor sind jedoch die «Betrachtungsgeräte». Bereits heute sind grossformatige Bildschirme auf dem Markt erhältlich, bei denen die einzelnen Bildpunkte von blossem Auge nicht mehr erkennbar sind. Bildschirme zur Darstellung von 3D-Effekten sind in Entwicklung. Für dreidimensionale Kunst, also Skulpturen, sind holografische Darstellungsgeräte vorgesehen. Die bereits verfügbaren Apparate sind komplex und teuer. Wie so oft, sind die Game- und Rüstungsindustrie Treiber des Fortschritts und deshalb werden diese Technologien in den nächsten Jahren verfügbar sein.

Eine solche Entwicklung könnte zu einem neuen Kunstmarkt führen, der wie der aktuelle Markt für Musik strukturiert ist. Einzelne Stücke bis vollständige Symphonien werden z.B. via iTunes heruntergeladen (Downloads). Ganz ähnlich könnte das für digitale Kunst aussehen. Wer weiss, vielleicht haben wir bald eine neue App die «iArt» heisst, mit welcher wir Kunst auf ein neuartiges «Betrachtungsgerät» herunterladen können. Im Gegensatz zu Kunstwerken, die gesammelt werden (collectable Art) geht es hier um «consumable Art» – der passende Begriff fehlt noch.