Charlotte Hug, Inscape, 2019-2020, Graphit, Rötel und Tusche auf halbtransparenter Folie, Galerie da Mihi, Bern

22. April 2020

Eine Ausstellung die wir gerne gesehen hätten – «Zeitmaschine» im Kunstmuseum Bern, 2002

Diese Ausstellung ist in einem Vakuum entstanden, in einer Zeit ohne Direktor. Toni Stooss war nicht mehr da und Matthias Frehner noch nicht gefunden. Vertraut man den Pressestimmen von damals, sprengte sie sämtliche Grenzen.

Sie umfasste ausnahmslos das ganze Museum, über alle Stockwerke hinweg, inklusive dem Atelier-5-Anbau. «Erstaunlich, was in Bern in Sachen Kunst aufbricht: Die Tradition mit Lust über Bord werfende 'Zeitmaschine', welche die Sammlungsbestände des Kunstmuseums atemberaubend durcheinanderwirbelt, ist ein begeisterndes Beispiel,» schrieb Anneliese Zwez.

In dieser Zeit war es en vogue, die Sammlungsbestände eines Museums in neuer, spannender Weise zu präsentieren. Was Ralf Beil als Kurator in Bern zeigte, überstieg allerdings den gewohnten Rahmen. Alles wurde auf den Kopf gestellt, Wände herausgerissen, farbig bemalt, ganze Räume möbliert, installative Arbeiten, raumgreifende Gemälde wechselten mit zarten Aquarellen ab. 

Zwez schrieb: «450 Arbeiten von 63 Künstler/-innen auf 1912 m2. Wer alles sehen will, muss ganz schön Ausdauer haben. Die vier Jahrhunderte stehen in einem schönen Wechselspiel; der Entwicklung der Kunst entsprechend, dominiert jedoch die Gegenwart. Nicht zuletzt, um den Boden zu bereiten für das geplante 'Kunstmuseum Bern Gegenwart', als Teil des bestehenden Kunstmuseums und um die Bedeutung aktueller Ankäufe zu dokumentieren.» 

Sie haben richtig gelesen, schon damals stand das Museum für Gegenwartskunst oben auf der Traktandenliste. Und noch etwas von damals kommt bald wieder aufs Tapet: Die «Berner Kebes Tafel» von Joseph Plepp war prominent im Untergeschoss, im Dialog mit Goya, Polke, Roth, Tuymans, Raetz, Fischli/Weiss, Hirschhorn und anderen ausgestellt. Diesen Herbst wäre sie wieder zu sehen gewesen, in der Ausstellung «Der Weg zum Glück». Nach neustem Wissensstand wird die Show jedoch um ein Jahr verschoben und hoffentlich im Herbst 2021 gezeigt. 

Begleitend zu «Zeitmaschine» erschien ein gleichnamiges Buch im Verlag Hatje Cantz mit lesenswerten Essays von Ralf Beil, Peter Schneemann, Johannes Gachnang, Hans-Rudolf Reust, Christoph Lichtin, Joseph Grigely und Tristan Weddigen. Eine vergnügliche Lektüre für einen Abend einmal ohne Netflix oder dergleichen. 

Nach dem Lesen des Buches bedauerten wir wirklich, die Ausstellung nicht gesehen zu haben. Es waren übrigens Frauen dabei: Meret Oppenheim, Annelies Strba, Betan Huws, Leiko Ikemura, Annelise Coste, Cécile Wick, Suzan Frecon, Anna Anders und – im Gemälde von Plepp, die Schicksalsgöttin Fortuna. Der Titel «Zeitmaschine» als Metapher für ein Museums inspiriert und der Untertitel «Das Museum in Bewegung» weckt die Sehnsucht nach dem physischen Museumsbesuch. Im Traum reisen wir mit der «Zeitmaschine» in die Zukunft und erleben das Berner Kunstmuseum in 10 Jahren – was sehen wir?