Yannick Lambelet, Aime ton prochain, 2012, Acryl auf Leinwand, Galerie da Mihi, Bern

21. April 2020

Künstler/innen, die uns aufgefallen sind – heute Raquel van Haver

Ein riesiges Gemälde, fast eine Plastik, angelehnt an das Monumentalwerk «Das letzte Abendmahl» – die Szenerie irgendwo zwischen Afrika, Karibik, Südamerika und Bijlmermeer Amsterdam, zieht mich magisch an und lässt mich seither nicht mehr los. Gesehen habe ich das vier mal neun Meter grosse Werk im vergangenen Frühjahr im Stedelijk Museum in Amsterdam.

Van Haver bezeichnet ihre Arbeit als «laute» Gemälde, die Menschen am Rande der Gesellschaft sympathisch darstellen. Sie arbeitet auf Jute und kombiniert Ölfarbe, Holzkohle, Harz, Haare, Papier, Teer und Asche in stark strukturierten Kompositionen. Die Bilder erforschen Rasse und Identität und stammen aus afrikanischen, karibischen und lateinamerikanischen Kulturen, kombiniert mit westlichen Einflüssen ihrer Wohngemeinde im Südosten von Amsterdam. Vor Kurzem kehrte sie aus Westafrika und Südamerika zurück, wo sie über eine längere Zeit  recherchierte und Material sammelte. Ihre Werke sind oft monumental, manchmal dunkel, bedrohlich und verhandeln die Graubereiche zwischen sozialen Hierarchien.

Ihr Werk kann nicht von ihrer Person und Lebenserfahrung getrennt betrachtet werden. Raquel van Haver (*1989) wurde in Bogota/Columbien geboren. Holländische Eltern haben sie adoptiert und sie wuchs in Amsterdams multikulturellem Bijlmermeer-Viertel auf. 2012 schloss sie ihre Ausbildung an der HKU, Fine Arts in Utrecht ab. 2013 gewann sie den Royal Dutch Painting Award.

«Mit ihrem rohen, narrativen und figurativen Malstil fordert van Haver den euroamerikanischen Kanon heraus. Ihre Bilder sind von Kunst aus «anderen» Regionen beeinflusst, damit erzählt sie bewusst «andere» Geschichten. Obwohl das Format ihrer Leinwände an die Europäische Historienmalerei erinnert, zeigen ihre Kompositionen nicht die Heldentaten der westlichen Figuren. Im Zentrum ihrer Arbeit stehen die «Geister des Bodens», die zentralen Figuren in der Geschichte des Kolonialismus, des Imperialismus, der Migration und der Diaspora, daher lautete der Titel der Ausstellung im Stedelijk: «Spirits od the Soil».
 
Van Haver beschreibt ihre Praxis als ein «Aufeinander-Malen», womit sie die Freiheit meint, verschiedene Menschen und Orte zusammenzubringen. Das ist es auch, was sie mit ihrer Arbeit verknüpft – Menschen zusammenzubringen, die sie in verschiedenen Ländern, an vielen Orten und in unterschiedlichen Umgebungen getroffen hat. Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass gewisse Charaktere in den Bildern an Bandmitglieder von Fela Kutis, dem Godfather des Afrobeats erinnern. Sie hat mit ihnen in Lagos, auf der Dachterrasse eines Hotels bis weit in die Nacht gefeiert. Sinnigerweise ist das Werk (siehe unten) entsprechend betitelt: «We Do Not Sleep As We Parade All Through The Night.»

Stedelijk Museum Amsterdam, Raquel van Haver, «Spirits od the Soil», dauerte bis am 7. April 2019, Kurator Martijn van Nieuwenhuyzen
Digitaler Einblick in die Ausstellung

Raquel van Haver, We Do Not Sleep As We Parade All Through The Night, 2018, Mischtechnik, 400 x 900 cm. Foto: Hans Ryser